Im Dezember 2006 nahm ich zusammen mit meinem Partner Roland, der Konstantin Weckers web-Redakteur ist, am Friedenskongress in Tübingen teil. Konstantin Wecker hatte diesen Kongress ins Leben gerufen und um einen großen Tisch herum saßen Wissenschaftler, Künstler und ein paar ausgewählte Journalisten, um über den Weltfrieden zu beraten. Vom ersten Augenblick an war ich von Hans-Peter Dürr fasziniert, Physiker und Philosoph, Ratsmitglied des Welt-Zukunfts-Rates.
„Die Feder“ hatte die Fahrtkosten nach Tübingen gesponsert und mich beauftragt, mit Hans-Peter Dürr in Kontakt zu treten, um über ihn zwei Jugendliche für den Welt-Zukunfts-Rat vorzuschlagen. Die beiden Jugendlichen, die wir vorschlagen, sind Tekuani von Kanto de la Tierra, ein Indianerjunge und Erbe der Vision seines Vater Tigre Reymundo Perez und Rabgya Rinpoche, die Inkarnation von Geshe Rabten, der damals viel dazu beigetragen hat, den tibetischen Buddhismus im Westen zu verankern. ...
Roland und ich hatten das große Glück, dass sich Hans-Peter Dürr, dieser wunderbare Weise, ausgerechnet uns als Gesprächspartner für das anschließende Abendessen aussuchte und dass uns seine Geschichten, Anekdoten und Weisheiten sozusagen direkt von Herz zu Herz übertragen wurden.
„Alles Lebendige folgt zwei einander scheinbar widersprechenden Richtungen:
- Es strebt danach, sich so vollständig wie möglich zu individualisieren, so „eigenartig“ wie nur möglich zu sein.
- Es strebt nach Kooperation und damit nach dem Zusammenschluss zu einem größeren Ganzen.“
Manchmal gibt es Menschen, die können etwas so erklären, dass man hinterher das Gefühl hat, jetzt hätte man etwas Wichtiges wirklich verstanden. So erging es mir mit dem obigen Grundsatz. Vielleicht deswegen, weil „mein“ Professor, ein bisschen so wirkt, wie ich mir Albert Einstein vorstelle. Freundlich und bei aller wirklich überragenden Intelligenz, die wie eine Aura des Selbstverständlichen um ihn herum schwirrt, von großer Bescheidenheit und einem echten Respekt vor dem Lebendigen.
Da ich auch lebendig bin, kann ich bestätigen, dass zutrifft, was Professor Dürr über mich sagt. Ja, ich möchte so eigenartig sein, wie ich halt bin und gleichzeitig möchte ich Teil dieses Ganzen sein, ich möchte meines dem Ganzen hinzufügen und ganz darin aufgehen und von dort aus meine Eigenart noch mehr entfalten.
Nun lebe ich unter Bedingungen, die mir das Lebendig sein in dieser natürlichen Form ein bisschen erlauben. Meine materielle Existenz ist gesichert, ich brauche weder zu hungern noch zu frieren und kann meiner Berufung frei nachgehen. Ich bin eine Heilerin und eine Künstlerin, doch nimmt kaum einmal jemand meine Dienste in Anspruch und auch meine Texte mag mir niemand abkaufen. Sie wären zu unrealistisch, zu verträumt. So lebe ich eigentlich wie eine Bettelnonne von dem, was mir gegeben wird. Das ist, da es sich teilweise um Harz IV handelt, mit der Gefahr von schwindendem Selbstwertgefühl, manchmal auch mit Angst und Traurigkeit verbunden. Es ist auch mit der Gefahr verbunden, dass ich meine Kräfte auf dem Sklavenmarkt der gewinnorientierten Wirtschaftsmacht verkaufen muss, anstatt das zu tun, wofür ich auf diese Welt gekommen bin. Auch dann, wenn es sich um eine Heilkunst handelt, die lieber verschenkt als verkauft werden möchte. Doch ist es mir immerhin möglich, meine Träume zu verfolgen und zu versuchen, sie in die Wirklichkeit zu bringen.
Im Lauf der Jahre habe ich – in Kooperation mit den Gedanken der großen Weisen der Menschheit – eine komplette Traumwelt ersonnen. Ich nenne diesen Traum den „Menschheitstraum“ und die Welt, in der mein Traum stattfindet, nenne ich „meine Welt“.
Regionen des Friedens sollen wir errichten, sagten die Kongress-Sprecherinnen damals in Tübingen. Auch der Dalai Lama träumt von einer Friedens-Region in Tibet. Auch er lebt sein Leben für diesen Traum. Auch der Traum des Dalai Lama ist sehr umfassend und nicht nur allein auf Tibet gerichtet.
Erstmals konnte ich bei der Abend-Veranstaltung, zu der doch vielleicht etwa 50 Menschen aus Tübingen gekommen waren, ein paar Sätze dazu äußern, wie meine Welt ausschaut, ohne dass ich sofort unterbrochen worden wäre und ohne dass ich das Gefühl hatte, nicht ernst genommen zu werden, so wie das bei real-politischen Veranstaltungen der Fall ist.
„Wir müssen nicht Milliarden von Menschen überzeugen“, sagte Hans-Peter Dürr, „das wäre unmöglich. Es geht darum, sie zu erinnern!“
Laotse, ein anderer Weiser, der bereits vor 2500 Jahren lebte, beschreibt im 80. Vers des Tao-Te-King eine Welt, in der die Menschen in kleinen, friedlichen Ländern leben.
Ein Land soll klein und dünn besiedelt sein.
Sorge dafür, dass die Menschen, obwohl sie wehrhaft sind und Waffen haben,
diese nicht gebrauchen.
Sorge zudem dafür, dass die Menschen nur ungern große Reisen unternehmen
und dass sie den Tod achten.
Obgleich es Schiffe und Wagen gibt
benutzen die Menschen diese nicht.
Obgleich Panzer und Waffen vorhanden sind
sehen die Menschen keinen Anlass, sie zur Schau zu stellen.
Sorge dafür, dass die Menschen die alten Symbole wieder gebrauchen,
dass ihnen ein einfaches Essen schmeckt,
dass sie sich in schlichter, doch schöner Kleidung wohl fühlen,
dass sie mit ihren Wohnungen zufrieden sind
und glücklich mit ihrer Lebensweise ...
So schaut auch meine erträumte Welt aus. Um nicht nur für mich diesem Ideal näher zu kommen, suchte ich seit meiner Jugend nach praktikablen Wegen dorthin. Schon sehr schnell wurde mir von Rupert Neudeck, dem Begründer des Flüchtlingsschiffes Cap Anamur, gesagt: Die Ursache für das Elend liegt in der Welt-Wirtschaftsordnung.
Ich versuchte, die Wirtschaftsordnung zu lernen und zu verstehen und fand – über mysteriöse Umstände, an denen sogar der letzte Inka, Don Eduardo aus Peru, beteiligt war –, die „Natürliche Wirtschaftsordnung“ von Silvio Gesell. Eine rebellische Dame, die gleich ums Eck am Ammersee in einem sehr alten Gehöft inmitten eines hübsch verwilderten Gartens lebte, hat bereits vor mehr als 20 Jahren Gesetzestexte zur Umstellung der Wirtschaftsordnung vorbereitet und in meine Hände gelegt. Kurz darauf verstarb sie auf etwas unheimliche Weise noch relativ jung.
Paramahansa Yogananda, ein Heiliger des Hinduismus, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Wissenschaft des Kriya-Yoga in den Westen brachte, hat auf die Frage nach Frieden in der Welt einmal so geantwortet:
- Als erstes finde den Frieden in dir selbst. Meditiere und stärke unermüdlich deine Gedanken und dein Herz in der Ausrichtung auf Friedfertigkeit, Toleranz, Mitgefühl und Verständnis.
- Dann erweitere diesen Frieden in deine Familie hinein. Wenn dir dies gelungen ist, schließe auch Frieden mit all deinen Nachbarn, mit deinen Kollegen, mit allen Wesen in deinem engeren Umfeld.
- Als nächstes brauchen wir einen Frieden zwischen den Religionen. Wie viele Kriege werden angezettelt und geführt, weil Angehörige verschiedener Religionen gegeneinander aufgehetzt werden.
- Dann brauchen wir eine gemeinsame Welt-Ordnung und eine gemeinsame Zweit-Sprache, damit die Völker sich miteinander verständigen können. Diese Welt-Ordnung muss so beschaffen sein, dass sie allen Menschen die gleichen Rechte verschafft.
- Schließlich brauchen wir eine gemeinsame Ordnungskraft, eine „Weltpolizei“, die die Rechte der Menschen durchsetzt, behütet und schützt.
(Yogananda verstarb 1952, die allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde 1948 proklamiert.)
Es ist schwer genug, die ersten beiden Friedens-Voraussetzungen zu schaffen. Aber es ist möglich und aus meiner Erfahrung heraus, wird es mit der Zeit einfacher, je mehr sich der Friedensgeist in einem selber ausgebreitet hat.
„Die Feder“ arbeitet an Punkt 3, dem Frieden der Religionen. Wir laden Vertreter von Religionen zu gemeinsamen Aktivitäten und zum Austausch ein. Unser nächster Akt ist die Pilgerreise nach Altötting.
In „meiner Welt“ ist auch eine Lösung für eine neue Welt-Ordnung schon längst gefunden. Bekannte Philosophen wie Rudolf Steiner oder Erich Fromm haben sehr kluge Anregungen und Schriften hinterlassen. Jene Dame vom Ammersee, Brigitte Cornelius, hat bereits erste Gesetzestexte verfasst. Man könnte darüber diskutieren, finde ich.
Die meisten Verfassungen der Völker sind wunderbar. Sie wirken, als hätten Heilige sie verfasst. Sie werden jedoch nicht umgesetzt. Im Gegenteil, ständig muss man Politiker daran hindern, gegen die Verfassung zu verstoßen, auf die sie bei ihrer Ehre und bei Gott geschworen haben.
Kurz zusammengefasst ergibt sich aus einer konsequenten Weiterverfolgung der Begriffe von Freiheit und Leben als Menschenrecht folgende Lösung in 5 Punkten:
1. Währungsreform
Einführung regionaler Ersatz-Währungen mit durchschaubaren Regeln, so wie die Regional-Währungs-Initiativen dies in den letzten Jahren vorleben. Breite Aufklärungskampagne über den Sinn und Unsinn von Zins und Zinseszins. Zusätzlich Einführung einer internationalen Menschheits-Währung, so wie es etwa die Initiative der Münchner Künstlergruppe „Transnationale Republik“ fordert.
2. Steuer- und Bodenreform
Radikale Vereinfachung des Steuer-Rechtes für den Einzelnen und für die Unternehmen. Abschaffung der Lohn- und Einkommenssteuer, Einführung einer differenzierten Konsumsteuer. Umwandlung des 2000 Jahre alten römischen Bodenrechts von Eigentumsrechten an Grund und Boden in Nutzungsrechte.
3. Bedingungsloses Grundeinkommen für Alle
Gerechte Verteilung von Volksvermögen und Verwirklichung des Rechts auf Arbeit anstelle von „arbeiten müssen“. Totale Abschaffung der Arbeitslosigkeit. Vollkommene Neubewertung menschlicher Arbeit. Kompletter Schuldenerlass der öffentlichen Hand.
4. Radikale Energie- und Wertewende
Schnellstmögliche Umstellung des Energie-Verbrauchs auf solare und erneuerbare Quellen einerseits und Energie-Einsparungen andererseits. Massive Anstrengungen diesbezüglich in Bildung und Forschung. Neuorientierung in Bezug auf nicht-materielle Werte wie Ethik, Gesundheit, Kultur und Zufriedenheit.
5. Umfassendes Plebiszit und Ethik-Rat
Erweiterung der selbst gewählten Diktatur einer Elite durch Volks-Abstimmungen zu wichtigen Fragen der Innen- und Außenpolitik, begleitet von korrekter Berichterstattung und ausführlicher Meinungsbildung in den Medien. Beratung durch einen unabhängigen Zukunfts-Rat oder Ethik-Rat, bestehend aus weitgehend integeren Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Religion und Bürger-Engagement. Einführung des Stimmrechtes für Kinder und Ungeborene.
Ob es gelingt, die Wesen daran zu erinnern, dass es möglich ist, so zusammen zu leben?
„Das Wissen, das der Beherrschung der Welt dient, entwickelt sich stetig weiter. Aber das Wissen eines Laotse ist eine Weisheit, die heute so gültig ist, wie zu seiner Zeit. So gibt es ein Welt-Wissen, das sich im Fortschritt entwickelt und ein Urwissen um das Wesen und seinen Weg, das zeitlos ist.“ Karlfried Graf Dürckheim, Vom doppelten Ursprung des Menschen
Ob wir wirklich dazu neigen, zu kooperieren und uns zu einem größeren Ganzen zusammenzuschließen, wie Hans-Peter Dürr eingangs meinte? Ob wir uns wirklich erinnern können an jene Weisheit, die in uns wohnt und nach maximaler individueller Entfaltung strebt?
Ich vertraue darauf.
Monika Herz
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