Für viele Menschen ist das Leben wie schlechtes Wetter: Sie stellen sich unter und warten, bis es vorüber ist.

Alfred Polgar, österr. Autor

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Der Tanz um das Heilige Nichts

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Mittwoch, 23. Juli 2008
Regenbogen
Seit Urzeiten suchen und fragen Menschen aller Völker nach dem Ursprung ihres Seins, der Natur, der Erde, des Himmels, des Universums. So entstanden die unterschiedlichsten, fantasievollen Schöpfungsgeschichten, die genauer betrachtet erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen. Fast immer sind die Elemente mit im Spiel - und meist wird vor dem Auftreten der Elemente in der Welt eine offene Leere, die Dunkelheit oder das Nichts beschrieben.

von Monika Herz

Die Germanen

…nannten dieses Nichts Ginnungagap. Sie stellten es sich als gähnende Schlucht vor, in der totale Windstille herrschte. Irgendwann entstand im Süden dieser Schlucht Muspelheim, ein Ort der Hitze und des Feuers - dem sich später im Norden ein Land voller Nebel anschloss, in dessen Mitte der Brunnen des Lebens sprudelte.

Der Rand des Landes Muspelheim war zu Eis gefroren - und bei der Begegnung zwischen Feuer und Eis entstand ein Tropfen, aus dem heraus die Ur-Kuh Audumblah geboren wurde. Als Audumblah zu atmen begann, entstanden warme Winde. Aus diesen Winden schälten sich die ersten Götter aus dem Eis - unter ihnen der berühmte Odin, bewaffnet mit Blitz und Donner. Nach und nach entwickelte sich so die Erde mit all ihren Wesen und Geschöpfen.

Der Tibetische Buddhismus

… sieht die Welt und die Elemente, die in ihr walten in Form eines Mandalas. Dieses Mandala basiert auf der unzerstörbaren, letztlichen Weisheit, die allen Erscheinungen vorangeht und sie zutiefst durchdringt. Jene Weisheit, die in ihrer Essenz nur erfahren werden kann im Zustand des Samadhi. Auf jener Leerheit bauen sie im Geist die Grundlage des Mandalas, indem man sich zunächst eine unendlich weite Sphäre von Luft vorstellt. Die Tibeter lieben es, die Flexibilität des Geistes zu trainieren und stellen sich die Luft paradoxerweise ganz unten vor. Darauf folgt eine unvorstellbar tiefe Schicht von Wasser, der mystische Milchozean, aus dem die Götter im Ringen mit den Dämonen das sagenumwobene Amrita, den Trank der Unsterblichkeit gewonnen haben. In jenem Milchozean schwimmen die Kontinente, die aus dem Element Erde gewebt sind. Und in der Mitte des Mandalas thront der Edelstein-durchwobene Berg Meru, aus dessen Mitte das Heilige Feuer quillt. Das Feuer ist jedoch auch um den Rand des Mandalas gelegt, um Halt und eine Vorstellung von Grenze zu geben.

Das Feuer steht hier als Zeichen der Unendlichkeit - es ist gleichzeitig Symbol für das unbegrenzte Bewusstsein am Rande des Mandala-Kreises, als auch ein Zeichen für die Leere und des Nichts im Mittelpunkt des Mandalas. Denn geografisch gesehen ist ein Mittelpunkt nicht darstellbar - ein jeder noch so feine Bleistiftpunkt würde einen Kreis darstellen, jedoch niemals den Mittelpunkt selbst, der quasi in sich selbst hinein kollabiert. Die Null ist die mathematische Größe für das berühmte Nichts, das Nirvana, die Leere, das große Unbekannte.

Die vier Himmelsrichtungen des Mandala sind geschmückt mit Überfluss: die Wunsch erfüllende Kuh (schon wieder eine Kuh!), die Milch, also Flüssigkeit, im Übermaß gibt - der Wunsch erfüllende Baum sorgt für die Erneuerung und den Austausch mit der Luft - der kostbare Berg, welcher Diamanten und Feuer ausspuckt - und das unbestellten Feld, das Ernte in Hülle und Fülle erbringt, ohne dass man auch nur einen Finger dafür rühren müsste. Bei der Mandala-Zeremonie stellt man sich selbst als Mensch inmitten all dieser Kostbarkeiten vor: die Luft durchweht unseren Körper, das Wasser durchflutet ihn… und voller Dankbarkeit erinnert man sich auch daran, dass die Substanz unserer Knochen, unserer Haut und Organe letztlich chemisch aus den Stoffen besteht, wie sie eben auf der Erde zu finden sind: Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, ein bisschen Chlor, ein wenig Phosphor, eine Prise Schwefel, ein Hauch Magnesium und so fort. Der Berg Meru aber ist ein Symbol für unsere Wirbelsäule und oben am Scheitel sprüht es nur so vor Feuer, vor Inspiration und erhabenen Gedanken.

Die Indianer

… wiederum nennen dieses Mysterium „Großer Geist“ oder „Großes Geheimnis“ - und mir scheint, sie könnten damit dasselbe meinen, wie die Tibeter mit dem Samadhi oder die Germanen mit dem Ginnungagap. Wer bitte könnte ein Wort oder eine Erklärung für das „Große Geheimnis“ finden? Wenn es eine solche Erklärung gäbe, dann wäre es ja kein Geheimnis mehr.

Ich erinnere mich so gut als wäre es gestern gewesen: Vor 25 Jahren kam Brave Buffalo (Tapferer Büffel - ein großer Medizinmann der Lakota) das erste Mal nach Europa, um ausgerechnet ganz in der Nähe meines Heimatortes im Rahmen einer 14-tägigen Medizinrad-Zeremonie uns jungen Suchenden die Welt der Indianer zu erklären. Ganz ruhig saß er da, in seinen Händen eine bunte Stickerei, die auf dunklem Hintergrund einen Kreis darstellte mit einem Kreuz in der Mitte. Dann bat er uns, Stift und Buch wegzulegen und nicht mitzuschreiben, sondern zuzuhören und unseren Geist zu öffnen - Indianer geben ihr Wissen von Mund zu Ohr und von Geist zu Herz weiter, Bücher und Stifte wären da eher hinderlich, meinte er. Bevor er überhaupt ein erstes Wort der Belehrung sprach, ehrte er seine Ehefrau, welche die Stickerei in liebevollem kunsthandwerklichem Können angefertigt hatte. Im Klang seiner Stimme lag große Achtung und Zuneigung. Dann sprach er zuerst ein wenig über den Kreis und die Mitte und das Unendliche Geheimnis und die Unmöglichkeit, es zu erklären. Danach über das Kreuz in der Mitte, über die Wege, auf denen wir wandern - und mögen wir auch noch so weit gegangen sein, all unsere Wege münden immer entweder in den Kreis oder in die Mitte.

Und dann erklärte er uns, dass die Zahl 4 den Indianern sehr heilig ist. Denn es gibt so viel Großes in der Welt, das sich über die Vier verstehen lässt: Die vier Himmelsrichtungen, die vier Farben Rot, Gelb, Blau und Weiß, die vier Winde, die vier Jahreszeiten, die vier Tageszeiten, die vier Lebenszeiten (Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter), mündend in den Kreis von Geburt und Tod. Er sprach über die vier Elemente und wie sie korrespondieren mit den Tageszeiten, mit unseren Lebenszeiten und den Geisteszuständen. Leichtigkeit und Luftigkeit am Morgen und wenn wir Kinder sind - Hitze und Leidenschaft am Mittag und in der Jugendzeit - Tiefe und Weite, Gelassenheit und ruhiges Verweilen wie ein Meer am Abend und in unserem Erwachsensein (sofern wir jemals erwachsen werden!) - fruchtbare Weisheit, aber auch Erstarren in der Nacht und im Alter. „Alles, was ist, ist in jenem Medizinrad mit seinen vier Elementen enthalten“, sagte Brave Buffalo und lachte dabei. „Wir verehren die vier Winde, die vier Kräfte, so wie ihr vielleicht Jesus oder die Engel verehrt. Wenn wir unsere großen Zeremonien wie den Sonnentanz oder die Visionssuche darbringen, dann gehen wir vollständig in die vier Kräfte hinein, wir liefern uns ihnen ganz und gar aus und geben uns ihnen aus tiefster Ehrerbietung hin. Wir gehen sogar so weit, dass wir für eine gewisse Zeit aufhören zu essen und zu trinken und uns voll der Sonne und dem Wind aussetzen. Die Erfahrungen, die wir dabei machen, sind unser größter Schatz, unser unvergänglicher Trost, die Quelle unseres Daseins. Der tiefblaue, fast schwarze Hintergrund, auf dem das Medizinrad gestickt ist, das ist die Farbe von Great Spirit, dem großen Geist. Great Spirit ist das, aus dem alles hervorquillt, immerzu, anfanglos und ohne Ende, so wie die Sterne am dunklen Nachthimmel erscheinen und wieder vergehen.“

Brave Buffalo war nicht nur ein tief beeindruckender Geschichtenerzähler, sondern auch ein großer Heiler. Nach jenem Medizinrad-Treffen habe nicht nur ich, sondern viele andere junge Menschen das Camp strahlend und voller Hoffnung verlassen. Brave Buffalo hatte uns gezeigt, wie wir die Elemente kennen lernen und mit ihnen kommunizieren können. Dass das Wasser ein lebendiges Wesen ist, nicht nur nass und kalt, sondern voller Zuwendung - und dass wir keine zwei Minuten überleben würden, wäre da nicht die wunderbare Wesenheit aus Luft, die uns beständig beatmet. Er lehrte uns, dass die Erde tatsächlich unsere Mutter ist. Hat sie nicht uns, ihre Kinder so gestaltet, dass sie uns maximal erfreuen und gern haben kann? Stellt sie uns nicht ‘zigtausende verschiedene Nahrungsmittel zur Verfügung, obwohl wir uns allein von der Sojabohne ausreichend und gesund ernähren könnten? Und zuletzt lernten wir auch, über glühende Kohlen zu laufen und dabei vom Feuer selbst unterrichtet zu werden. Brave Buffalo zeigte uns, dass die Kraft der Elemente buchstäblich alles zu heilen vermag, wenn wir ihnen nur ein bisschen zuhören würden.

Das Christentum

…sieht die Erzengel als Überbringer der Elemente und ihrer Heilkräfte. Einem christlich-hebräischen Mythos zufolge war zuerst (logischerweise) Gott - er ist der Mittelpunkt von allem. Aus lauter Freude über das So-Sein verdoppelte „Er“ sich (eigentlich ist Gott ja eine Frau, aber das ist eine andere Geschichte ;-)) und wurde so zu männlich und weiblich, hell und dunkel, schön und hässlich… und was es noch so alles gibt, in der Welt des Dualen. Aus diesem Zwei-Fachen verdoppelte er sich wieder - und dabei entstanden die vier Cherubim, die vier Erzengel, welche die vielfältige Erscheinungswelt aus ihrem Gesang heraus entstehen ließen. In der Kunst werden die vier Erzengel mit Symbolen für die vier Elemente dargestellt:

Gabriel hat damals die Erde herbei gesungen. Er hat sie so erdacht und ersungen, dass alles, was auf ihr gedeiht, für alle Wesen in Hülle und Fülle zur Verfügung steht. Wenn Gabriel sich nicht mehr anders zu helfen weiß, weil seine Stimme niemand mehr hört, dann muss er als letztes Mittel die Erde beben lassen. Als Symbol trägt Gabriel eine weiße Lilie (ein Zeichen der Fruchtbarkeit) - auch, als er Maria begegnet, weshalb man eine schneeweiße Lilie auch heute noch „Madonnen-Lilie“ nennt. (Die Farbe Weiß und der Norden treten übrigens auch im germanischen Medizinkreis gemeinsam auf, Weiß steht für den Winter und die schneebedeckte Erde). Gabriels Lilien-Symbol korrespondiert stark mit Raphael, hat die Blüte der Lilie doch die Form eines Kelches…

Raphael - sein Name bedeutet übersetzt „Gott heilt die Seele“ - trägt einen Kelch, manchmal auch einen Fisch oder eine Medizin-Flasche. Er ist im Westen beheimatet und der Engel des Wassers, der Heilerinnen und Heiler, aber auch der Reisenden. In früheren Zeiten sprudelte auf jedem Marktplatz ein Trinkwasser-Brunnen für die Reisenden, denn zumindest das Wasser sollte für alle immer verfügbar und umsonst sein. Der Kelch taucht in der christlichen Mystik auch als Gral auf, als jenes geheimnisvolle Gefäß, in dem das Blut Christi aufbewahrt ist, welches dereinst alle Wesen erlösen wird. Tempelritter und zahlreiche Helden haben ihr Leben damit verbracht, diesen geheimnisvollen Kelch zu finden. Auf Raphael folgt im Kreis der Elemente der gewaltige Engel, des Feuers.

Michael wird dem Süden zugeordnet, dort wo die Sonne am heißesten ist, und er trägt einen Stab. Mit dieser Lanze hat er bekanntlich Luzifer, den Widersacher, mitsamt seinen Anhängern aus dem Himmel verbannt. Luzifer ist mit seinem Gefolge dann ausgerechnet auf die Erde ausgewandert - aber das ist wieder eine andere Geschichte. Wer sich mit den Tarot-Karten befasst, weiß, dass auch hier die Stäbe das Symbol für Feuer sind - denn ohne Holz ist Feuer schwerlich zu erzeugen. Das Feuer steht für den lodernden Geist, für die Inspiration, für die Eingebung, für die Idee, die einfach, ohne dass wir etwas dazutun, in uns hineinfällt. Feuer steht auch für Leidenschaft und Kreativität. Der Erzengel Michael hat sich von Anfang an als leidenschaftlicher Kämpfer für eine höhere Gerechtigkeit erwiesen und ist der Anführer der himmlischen Heerscharen. So wurde er auch zum Schutzpatron der Soldaten, welche ja bekanntlich mit Feuerwaffen hantieren. Seine Farbe ist Rot. Und er gilt auch als der „Seelenwäger“, der ähnlich der ägyptischen Göttin Maat die Herzen bei ihrem Übergang vom Leben in den Tod auf die Waage legt. Der Legende nach sind die Cherubim, die Himmelschöre, aus den Tränen Michaels entsprungen, als er über die Dummheit, Gier und Grausamkeit der Menschen verzweifelt weinte. Gott selbst soll ihm, dem Repräsentanten des Höchsten Bewusstseins, alle Geheimnisse anvertraut haben, die er dann ein paar wenigen Auserwählten (wie etwa dem Patriarchen Enoch) vermittelt hat.

Der Vierte im Kreis der Erzengel ist der weniger bekannte Uriel. Er steht im Osten und ist der Engel der Winde und Stürme, der Engel der Kunst und der Prophezeiungen, und er regiert die Sternenwelt. Uriel wird auf manchen Bildern mit einem Schwert dargestellt, andere zeigen ihn mit einer Feder - beides sind Luft-Symbole. Das Schwert als Luft-Zeichen kennen wir nicht nur von den Tarot-Karten - unsere deutsche Sprache hat sehr genaue Bezeichnungen für die Verwandtschaft zwischen Schwert und Intellekt: Wir nutzen unseren Verstand, um uns zu ent-scheiden (also das intellektuelle Schwert aus der Scheide ziehen), wir können uns aber auch be-scheiden, indem wir das Schwert stecken lassen und hin und wieder den Mund halten… Unser Intellekt ist im Grunde so wenig greifbar wie Luft. Den Verstand weit machen, so weit wie den Himmel über uns - das ist die Kunst, die uns Uriel lehrt.

Ein bunter Regenbogen

Elementare und symbolische Zuordnungen findet man auch andere - es gibt wohl keine einzig richtigen, „wahren“ Analogien. Der Erzengel Michael wird auch oft mit dem Schwert dargestellt - und in rabbinischen Quellen heißt es, Gabriel bestehe ganz aus Feuer. Manche indianischen Stämme ordnen das Element Feuer nicht dem Süden, sondern dem Osten zu, weil dort die Sonne aufgeht … Brave Buffalo meinte dazu: „Das ist kein Grund, um zu streiten! Einfach tolerant und flexibel bleiben! Wichtig ist, verschiedene Ansichten zu respektieren und dass sich die Medizinleute nicht gegenseitig rechthaberisch ins Handwerk pfuschen. Bei gemeinsamen Zeremonien kann der eine im Westen das Wasser, ein anderer das Feuer anrufen - dann kommt eben Gewitter mit Blitz und Hagel und Wolkenbruch heraus und wir können klatschnass nach Hause gehen!“

Letztlich sind alle Elemente miteinander verbunden, voneinander abhängig und durchdringen einander. Sie entstehen aus jenem numinosen Urgrund, das die einen Gott oder Allah nennen, die anderen Leerheit oder Wesensnatur, und wieder andere nennen es Großer Geist oder Ginnungagap.

Das schönste Symbol für die harmonische Verbundenheit aller Elemente zeigt sich, wenn Feuer (Sonne) und Wasser gleichzeitig in der Luft auf dieser Erde aufeinander treffen: Der Regenbogen ist vielleicht ein Tor zu jener Quintessenz, der eigentlichen Wesensnatur, zu jenem mysteriösen fünften Element, das wir (noch) nicht ganz verstanden haben…